Die Interpretation der „Vogelscheuche“

In dem Buch „Der Narr“ von Khalil Gibran findet sich folgende Kurzgeschichte.

Die Vogelscheuche

Einst sagte ich zu einer Vogelscheuche: «Du stehst

immer hier auf dem Feld. Du mußt es müde sein.»

Sie antwortete mir: «Verscheuchen bringt tiefe

und dauernde Freude, und ich ermüde nie.»

Darauf sagte ich, nachdem ich’s kurz bedacht:

«So ist es, einst kannte ich diese Freude auch.»

Sie erwiderte:

«Nur wer mit Stroh gefüllt ist, kann sie kennen.»

Da verließ ich sie. Ich wußte nicht, ob sie mir

geschmeichelt oder mich verspottet hatte.

Ein Jahr verging. Währenddessen wurde die

Vogelscheuche weise.

Als ich wieder dort vorüberkam, nisteten Krähen

unter ihrem Hut.“

Khalil Gibran (libanesischer Philosoph, Dichter und Maler 1883-1931)

Was auf den ersten Blick etwas verwirrend erscheint lässt sich mit einem tieferen Blick dann doch noch auflösen und so ist meine Interpretation hierzu durchaus eine lebensnahe Betrachtung.

Die Vogelscheuche symbolisiert hier den funktionalen Mensch der seine einmal gewohnte Tätigkeit, also seinem Beruf nachgeht. Er „verscheucht“ kassiert straft und regelt kraft seiner Funktion und entwickelt dabei sogar so etwas wie „Freude“ am tun. Er ermüdet nicht bei dieser Tätigkeit. Allerdings spricht dieses Wesen dem Philosophen ab seine Vogelscheuchen Freude zu verstehen. Ob aus Spott oder aus Ehrfurcht vor dem lebendigem Menschen ist dabei offen geblieben. Mit der Weisheit aber wird der Vogelscheuche leben eingehaucht. Die Weisheit verändert die Bedürfnisse und Sicht zu den Dingen im Dasein der Vogelscheuche. Das tote Stroh und die damit verbundene Freude am verjagen wandelt sich zum lebensbejahenden Zustand allein durch die Kraft des Denkens. Sie nimmt Anteil und wird zu einem guten Ort der den Krähen Schutz bietet. Aus der Freude des Jagens und der Angst Übertragung wird eine Freude am Leben und leben lassen. Die Funktion der Vogelscheuche wird zwar außer Kraft gesetzt aber sie findet dabei ihre wahre Bestimmung.

Thomas Gottberg

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